Im Dingsda-Wald, gleich hinter dem Hüpfmoos-Hang und links vom schnarchenden Stein, zog eines Morgens jemand Neues ein. Niemand hatte gesehen, wie er gekommen war. Plötzlich war er einfach da. Ein Haufen Stacheln, ein runzliges Gesicht, winzige Brillenaugen und ein sehr, sehr langsamer Gang.
„Was ist das denn für ein Ding?“, flüsterte die Schnattergans und reckte neugierig den Hals.
„Ein Knarl“, erklärte Hilde, die wilde Hexe vom Waldrand, und ließ sich auf einem Ast nieder. „Halb Igel, halb Faultier, halb granteliger Opa.“
Der Knarl setzte sich auf einen moosigen Baumstumpf, verschränkte die winzigen Ärmchen und brummte. Laut. Lange. Und sehr unfreundlich.
„Zu laut hier. Zu viele Federn. Zu viele Gerüche. Wer braucht denn bitte Glitzerkäferparfüm?!“
Die Tiere hielten Abstand. Die Munkelrotte munkelte empört. Die Waldmaus murmelte: „Der will bestimmt gar nicht hier sein.“
Nur Hilde blieb gelassen. Sie braute sich einen Blättersud, rührte mit einem Karottenschnitz, schnippte eine Fluse weg und sagte schließlich: „Dann machen wir eben den Großen Geduldswettbewerb.“
„Waaas?“ piepste der Hamster.
„Wer am längsten still sitzt, gewinnt“, erklärte Hilde und zwinkerte Ferdinand zu. Der flauschige, fetzige Fuchs zog die Augenbrauen hoch.
„Also ein Wettbewerb... im Nichtstun?“
„Exakt.“
Am nächsten Morgen trafen sich alle auf der großen Lichtung. Der Knarl saß schon da. Unbewegt. Mit einem Gesichtsausdruck wie ein alter Baum.
Die anderen Tiere machten es sich auf Kissen, Mooshockern und Pilzhockern bequem. Hilde zählte runter: „Drei... zwei... null. Still jetzt!“
Fünf Minuten später zuckte der Hamster.
Zehn Minuten später gähnte die Hirschdame.
Nach fünfzehn Minuten begann der Spatz heimlich mit dem Schwanz zu wippen.
Nur der Knarl saß da. Und saß. Und saß.
Nach zwei Stunden schnarchte er leicht.
Am Abend war er immer noch dort. Als die Tiere zurückkehrten, streckte er sich genüsslich und murmelte: „War ganz nett. Morgen wieder?“
Die Schnattergans schnatterte nicht mehr. Die Waldmaus überreichte ihm ein Preisblatt mit Goldrand.
Und Ferdinand meinte leise zu Hilde: „Ich glaub, der hat einfach nur auf eine Einladung gewartet.“
Hilde grinste. „Und wir auf jemanden, der uns zeigt, wie gut Stille tut.“

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