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Warum im Dingsda-Wald niemand gegessen wird

 Es war ein wunderbar gewöhnlicher Tag im Dingsda-Wald. Die Sonne tanzte durch das Blätterdach, irgendwo ploppte eine Munkelnuss, und Kwiepi rief von oben: „KWIEPI!“, einfach nur, weil es Spaß machte.
Hilde rührte in einem dampfenden Topf, aus dem es nach Waldwurzeln und Brombeerschalen duftete. Ferdinand schnupperte begeistert.
„Was gibt’s heut?“, fragte er.
„Wipfelwiesenpfanne mit Löwenzahnkruste und einem Hauch Sonnenmarmelade“, sagte Hilde stolz.
„Klingt nach... Zauberei.“
„Ist es auch.“
Da kam die kleine Waldmaus angerannt. „Hilde? Ferdinand? Ich hab was Komisches gefunden.“
Sie hielt einen zerknitterten Zettel hoch. Darauf stand in krakeliger Menschenschrift:
„Mit extra Hühnchenstreifen.“

Die Tiere starrten den Zettel an.
„Was sind Hühnchenstreifen?“, fragte Kwiepi, der plötzlich ganz leise geworden war.
Hilde setzte sich. Sie sah in die Runde. In ihre Augen kroch ein Schatten. Aber ihre Stimme blieb sanft.
„Früher, draußen in der Menschenwelt, haben manche Wesen andere Tiere gegessen. Aus Gewohnheit. Oder weil sie dachten, es müsste so sein.“
„Aber... wir sind doch auch Tiere“, sagte die Maus leise.
„Eben“, sagte Hilde. „Und genau deshalb machen wir es hier anders.“
Ferdinand legte das Zettelchen in eine leere Nussschale. „Also essen wir niemanden, weil... wir uns gegenseitig achten?“
„Weil niemand leben sollte in Angst, verletzt zu werden“, sagte Hilde. „Weil Freundschaft wichtiger ist als Geschmack. Und weil das, was wir brauchen, auch ohne Leid wachsen kann.“
Die Maus schnupperte am Topf. „Und das ist alles ohne... Tier drin?“
„Nur Pflanzen, Pilze und Liebe“, grinste Hilde.
„Und Glitzer“, quietschte Kwiepi. „Ich hab ein bisschen Glitzer reingeworfen.“
Das erklärt den Schimmer“, murmelte Ferdinand.

An diesem Abend saßen alle Tiere zusammen: die Munkelrotte, der grummelige Knarl, sogar die Nachtschattenkirschkröte. Es gab Walnusskugeln, Wiesenbrot, Mähnenkraut mit Möhre. Und ganz am Ende ein neues Lied:

„Wir essen nichts, was atmet, was fühlt, was lebt, was liebt.
Denn wenn wir teilen können – wer braucht dann noch den Krieg?“

Im Dingsda-Wald wird niemand gegessen. Nicht, weil man es verbietet. Sondern weil man es versteht.

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