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Die Wilde Hilde und die angehaltene Zeit


 

Es war ein ganz gewöhnlicher Dienstag im Wald.
Oder es wäre einer gewesen –
wenn Hilde nicht an der falschen Uhr gedreht hätte.

„Ich hab sie auf dem Pilzmarkt gekauft“, sagte sie. „Sie war reduziert. Angeblich antik. Und sie hat geglitzert.“
Ferdinand sah sie zweifelnd an.
„Du hast an einer Uhr gedreht, auf der stand: ‘Nicht anfassen, es sei denn, du willst die Zeit anhalten’?“
„Ich dachte, das wäre ein Witz!“
„Nichts, was glitzert und auf einem Pilzmarkt verkauft wird, ist ein Witz, Hilde.“

Doch es war zu spät.

Die Vögel hingen in der Luft.
Ein Schmetterling stand still wie gemalt.
Ein Frosch schwebte beim Sprung, eingefroren in einer perfekten Bauchlandung.

Alles war angehalten.

Nur Hilde.
Und Ferdinand.
Sie bewegten sich noch.

„Cool“, sagte Hilde. „Wir sind quasi Superhelden!“
„Oder sehr allein. Und verantwortlich. Ich hasse Verantwortung.“

Sie spazierten durch die stille Welt.
Tiere in der Luft.
Bäume im Wind – aber ohne Bewegung.
Ein Eichhörnchen, das gerade eine Nuss warf, hing in der Luft wie ein Denkmal.

Hilde lachte.
Ferdinand rollte eine Runde Slalom zwischen eingefrorenen Fliegen.
Aber nach einer Weile wurde es… seltsam.
Still.
Einsam.

„Weißt du, Fetti“, murmelte Hilde, „ich glaub, ich mag’s, wenn alles lebendig ist. Auch wenn’s manchmal zu laut ist.“
Ferdinand nickte.
„Und ich vermiss das Gebrumme von den Bienen. Und die schiefen Lieder vom Specht. Und sogar den kläffenden Maulwurf.“

Sie mussten die Zeit zurückdrehen.
Aber wie?

Sie gingen zur Uhr.
Ein Zeiger war lose.
Der andere war verschwunden.
Auf der Rückseite stand jetzt:

„Zum Neustarten bitte tanzen. Mit Herz. Ohne Verstand.“

Hilde grinste.
„Ich hoffe, du hast dein Opernpölsterchen dabei.“
Ferdinand seufzte.
Dann begannen sie zu tanzen.

Zuerst schräg. Dann wild.
Hilde hüpfte wie ein explodierter Keks.
Ferdinand rollte Pirouetten.
Sie lachten.
Sie sprangen.
Sie brüllten Quatschwörter:
„Zimtschnarz!“
„Wabbelpopel!“
„Knisterbanane!“

Und mit einem leisen Pling!
begann die Welt sich zu bewegen.

Der Schmetterling flatterte weiter.
Der Frosch landete klatschend im Moos.
Und das Eichhörnchen bekam die Nuss ins Gesicht.

Alles war wieder wie vorher.
Fast.

Die Uhr war verschwunden.
Aber auf einem Blatt lag ein Zettel.
Darauf stand:

„Danke fürs Tanzen.
Ihr seid ziemlich seltsam.
Das mögen wir.“
– Die Zeit

 

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