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Die wilde Hilde und der Zahn des Zeitkrokodils

 


Es war ein ganz normaler Vormittag.
Bis auf die Tatsache, dass Hilde schon zum dritten Mal frühstückte und Ferdinand noch im Halbschlaf murmelte:
„Wieso ist’s draußen schon wieder Nacht?“

Der Wald war... durcheinander.
Vögel sangen Rückwärtslieder.
Blumen öffneten sich und verwelkten gleichzeitig.
Und ein Eichhörnchen feierte seinen Geburtstag – zum zweiten Mal heute.
„Etwas stimmt nicht“, sagte Hilde.
„Die Zeit spinnt.“
„Oder sie tanzt“, murmelte Ferdinand und rollte sich gegen einen Baum. „Jedenfalls ist sie kaputt.“

Sie stapften los – durch einen Wald, der sich streckte, schrumpfte und manchmal ganz kurz „Wiederholung!“ rief.
Dann sah Hilde es:
Ein riesiger Zahn.
Glänzend, gekrümmt, uralt.

Er steckte mitten im Boden, dampfte leicht und vibrierte.
„Der hat Wumms“, sagte Hilde.
„Der hat Zahnschmerz“, sagte Ferdinand.
„Der hat was mit Zeit zu tun“, sagten beide gleichzeitig.

Kaum hatte Hilde den Zahn berührt, begann die Welt zu ruckeln.
Die Farben verschoben sich.
Der Himmel machte kurz Mittag.
Ein Pilz wuchs auf Ferdinands Kopf – und verschwand wieder.

„Ich glaub, wir müssen den Zahn zurückbringen“, sagte Hilde.
„Aber... zu wem?“
Die Munkelrotte tauchte auf.
Sie flüsterte, wisperte, munkelte:

„Der Zahn gehört dem Hüter der Stunden. Dem alten Knirscher. Dem Schnapp der Zeitschritte. Dem Zeitkrokodil.“
„Ein Krokodil?!“, keuchte Ferdinand.
„Mit ZAHNSCHMERZ?!“
„Na prima.“

Aber es half nichts.
Sie machten sich auf den Weg – über tickende Steine, durch Sekundenbüsche und an Minutenbächen entlang.

Und da war es.
Riesig.
Schuppig.
Langsam atmend.
Mit einer Zahnlücke, aus der kleine Uhren qualmten.
Das Zeitkrokodil schnarchte wie eine Pendeluhr.
Hilde trat mutig vor.
„Hallo? Du hast was verloren.“
Der Zahn in ihrer Hand vibrierte.
Ferdinand versteckte sich hinter einer Wurzel.
„Ich mag keine Zähne. Vor allem nicht, wenn sie was mit Krokodilen zu tun haben.“
Das Krokodil blinzelte.
Dann sah es den Zahn.
Und seufzte.

„Endlich.“

Hilde reichte ihm den Zahn.
Mit einem satten KLACK schob es ihn zurück in die Lücke.
Sofort begann sich die Welt zu beruhigen.
Die Zeit lief wieder.
Nicht schnell. Nicht rückwärts. Einfach... weiter.
 „Danke“, brummte das Krokodil.
„Ich hatte seit tausend Jahren Zahnschmerzen. Ihr seid schneller als der Sekundenzeiger.“
Es schenkte Hilde eine kleine Uhr.
Sie zeigte keine Zahlen.
Nur zwei Zeiger, die ab und zu nickten.
„Wenn ihr je wieder merkt, dass Zeit Quatsch macht... wisst ihr, was zu tun ist.“

Hilde und Ferdinand wanderten zurück in einen Wald, der wieder atmete.
Wieder zwitscherte.
Und keine Geburtstage doppelt feierte.
„Weißt du was, Flauschi?“, sagte Hilde.
„Manchmal vergeht Zeit schnell. Manchmal langsam. Aber sie vergeht nie, wenn man wartet. Nur wenn man etwas tut.“
Ferdinand nickte.
„Oder schläft. Das funktioniert auch.“
Und rollte sich schnurrend in ein Moosbett.

 

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