Es begann mit einem Schaudern.
Nicht bei Hilde.
Nicht bei Ferdinand.
Sondern… im Wald.
Die Bäume zitterten.
Die Pilze bibberten.
Und alle Tiere starrten plötzlich erschrocken auf ihre Füße –
oder Pfoten, oder Hufe – und flüsterten:
„Die Socken sind weg.“
„Meine Zehen frieren!“, jammerte der Dachs.
„Ich kann nicht denken ohne Kuschelstrick!“, klagte die Eule.
„Ich hab ALLE verloren!“, heulte ein Reh, das nie Socken trug – aber trotzdem
weinte.
Hilde saß auf ihrem Bau und runzelte die Stirn. „Irgendetwas stimmt hier
nicht.“
Ferdinand rollte sich halb aus seiner Decke. „Irgendwas fühlt sich... kälter
an. Und nicht nur an den Füßen.“
Also begannen sie zu suchen.
Unter Büschen.
Hinter Steinen.
Sogar in Ferdinands geheimem Marmeladenlager
– was eigentlich strengstens verboten war.
Doch es war zwecklos.
Keine Socken.
Keine Einzelnen. Keine Paare.
Weder mit Sternchen noch mit Gänseblümchen.
Dann entdeckten sie eine Spur.
Eine einzelne, flauschige Faser,
die sich durchs Moos schlängelte – wie ein roter Faden aus Wolle.
Sie folgten ihr.
Über Hügel.
Durch kalte Bäche.
An zitternden Igeln vorbei.
Bis hinauf in den höchsten, dichtesten, verstricktesten Baum des ganzen Waldes.
Und dort…
war ein Nest.
Ein riesiges, kunterbuntes Nest,
gestrickt aus allen verschwundenen Socken.
Weich. Warm. Und um etwas geschlungen:
Ein kleines Tierkind.
Noch fast nackt.
Zitternd.
Mit großen Augen und einem ganz leisen Pieps.
Einsam.
Verloren.
Umgeben von der flauschigsten Burg, die man sich vorstellen konnte.
Hilde sah zu Ferdinand.
Ferdinand sah zurück.
Dann schauten sie beide zum Kind.
Und schwiegen.
„Es hat sich ein Zuhause gebaut“, flüsterte Hilde.
„Aus dem, was wir alle vermisst haben.“
„Weil es selbst nichts hatte“, murmelte Ferdinand.
Sie setzten sich.
Redeten mit dem Kleinen.
Gaben ihm heißen Tee und eine winzige Mütze.
Dann rief Hilde den ganzen Wald zusammen.
„Leute!“, rief sie.
„Ja, wir haben gefroren.
Aber seht euch das an:
Wir können neue Socken stricken. Wir können teilen.
Aber dieses Wesen hier... hatte nichts.
Und hat sich trotzdem etwas gebaut.
Weil es Wärme brauchte.“
Die Tiere wurden still.
Dann begannen sie zu nicken.
Und zu häkeln.
Neue Socken entstanden.
Für sich.
Für andere.
Und ganz viele für das Kind.
Der Wald wurde wieder warm.
Nicht nur an den Füßen.
Sondern auch im Bauch.
Im Herz.
Und zwischen den Zweigen.
Ferdinand kuschelte sich unter eine Decke.
Hilde saß daneben.
„Weißt du“, sagte sie leise, „manchmal vergisst man, dass andere weniger haben
–
bis sie zeigen, was sie daraus machen.“
Ferdinand gähnte zufrieden.
„Und wenn’s aus Socken ist – dann ist’s sogar noch besser.“

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