Direkt zum Hauptbereich

Die Wilde Hilde und das Wettrennen um den verschwundenen Mondstrahl

Es war früh am Morgen, so früh, dass sogar der Tau noch gähnte. Die Sonne steckte noch halb hinterm Horizont, und der Himmel hing wie ein müder Vorhang über dem Wald. Hilde trat barfuß aus dem Bau und blieb abrupt stehen.

Der Himmel war dunkel.
Und der Mond… war weg.

Nicht untergegangen. Nicht hinter Wolken versteckt. Einfach verschwunden.
Hilde blinzelte.
Ferdinand, der fette, fetzige Fuchs, rollte hinter ihr her und sagte: „Ich dachte, es riecht heute Nacht nach Verschwörung. Oder altem Käse.“
Hilde roch am Wind.
„Glimmergnome“, murmelte sie. „Oder – noch schlimmer – der Rat der Unsichtbaren.“

In diesem Moment knallte ein goldener Brief vom Himmel direkt vor ihre Füße.
Er war aus Sternenpapier, flatterte wie ein Vogel und las sich selbst laut vor:

„Der verschwundene Mondstrahl ist nicht verloren – nur versteckt.
Wer ihn zurück will, muss ihn sich verdienen.
Im großen Rennen der Wunderwesen!
Start: Nebelmoor.
Ziel: Lichtspitze.
Regeln: Keine Magie. Nur Mut. Und Quatsch.“

Hilde grinste.
„Flauschi, pack die Marmeladenbrote ein. Das wird ein Abenteuer.“

Sie kamen gerade rechtzeitig zur Startlinie. Der Nebel hing tief, und neben ihnen versammelten sich die schrägsten Gestalten, die das Waldreich je gesehen hatte. Ein dreiköpfiger Pinguin auf Rollschuhen polierte seinen Helm. Eine fliegende Badewanne röhrte nervös, während ihr eingebauter Kesseltriebwerkschornstein zischte. Ein halbdurchsichtiges Glibberwesen summte vor sich hin und duftete nach Lakritz.

Hilde kam, wie immer, standesgemäß: auf einem Riesenkäfer namens Kevin.
Ferdinand rollte nebenher.
Er trug eine Schutzbrille und sah aus wie ein gepolsterter Katapultball.

Mit einem lautlosen Puff! ging das Rennen los.

Der erste Abschnitt führte durch den Flüstertunnel – eine alte Wurzelhöhle, in der sich Stimmen wie Spinnweben ums Ohr legten.
„Gib auf“, raunte es.
„Du bist zu rund“, wisperte eine Wurzel.
„Warum hast du einen Käfer und keinen Besen?“
Hilde verzog keine Miene. „Weil ich Stil hab.“
Kevin schnaubte zustimmend. Ferdinand rollte einfach durch. Worte konnten ihn nicht aufhalten – nicht, wenn er im Rollen war.

Dann kam der Lachkrater.
Alles, was dort geschah, war unfassbar komisch.
Ein Wackelpudding im Anzug machte Furzgeräusche im Takt.
Ein Uhu sang Oper und trug Glitzerlippenstift.
Ein alter Baum versuchte, Breakdance zu machen.
Hilde brach zusammen vor Lachen.
Ferdinand kugelte sich vor Lachen – im wahrsten Sinne.

Doch sie lachten sich durch. Lachtränen im Gesicht, Bauchweh vom Kichern – aber mit einem Ziel vor Augen: den Mondstrahl zurückzubringen.

Der letzte Abschnitt war die Gedankenbrücke. Unsichtbar. Nur sichtbar für jene, die sich erinnern konnten – an das Schönste, das sie je erlebt hatten.

Hilde schloss die Augen.
Sie sah das erste Mal, als sie Ferdinand gefunden hatte – zusammengerollt in einer alten Hängematte, eingewickelt in Seidenpapier, mit Marmelade auf der Nase und einem Funkeln in den Augen, das sagte: „Ich bleibe.“
Ferdinand dachte an Hildes Lachen. An das Chaos, an das Zuhause, das nie nach Regeln funktionierte, aber immer nach Herz.

Die Brücke erschien.
Schimmernd, flackernd, wunderschön.

Sie rannten.
Hilde sprang, Kevin schmetterte ein Siegesbrummen.
Ferdinand rollte wie ein Komet.

Und dann – mitten im Licht – saß er.
Der Mondstrahl.
Ziemlich lässig auf einem Pilz.
„Na endlich“, sagte er. „Wurde langsam langweilig da oben im Nirgendwo.“

Hilde steckte ihn vorsichtig ein. Ferdinand gähnte. Kevin knabberte an einem Funkelblatt.

Und als sie heimkehrten, leuchtete der Himmel wieder.
Der Mond stand stolz über dem Wald.
Die Tiere flüsterten von einem wilden Rennen.
Und Hilde schrieb mit einem schimmernden Tintenstift in ihr Notizbuch:
„Quatsch gewinnt. Immer.“

 




 


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Warum im Dingsda-Wald niemand gegessen wird

Die wilde Hilde und alle dichten

Die wilde Hilde und der grüne Rüsselgnom auf Glitzerurlaub