Fiona sagte weder Hallo noch Guten Abend. Sie sagte überhaupt nichts, als sie sich an seine nackte Brust drückte, auf der noch einzelne Wassertropfen glitzerten. Alexej zuckte kaum merklich zusammen – überrascht, wie direkt sie war, wie ungefiltert. Doch bevor er sich fragen konnte, was das zu bedeuten hatte, sprudelte es bereits aus ihr heraus. Und Moment – hatte sie gerade gesagt, dass Gabriel sie geküsst hatte? Er blinzelte. Bitte was? Gabriel? Ein unwillkürlicher Schauder lief ihm über den Rücken. Nicht, weil er prüde war. Nicht, weil er eifersüchtig war. Sondern weil es – bei aller Liebe – ausgerechnet Gabriel war.
Ugh.
Aber Fiona war eine Freundin. Und auch wenn sein Hirn in grellen Anspielungen zu leuchten begann, hielt er sie zurück. Noch. Stattdessen schwieg er. Was selten genug vorkam. Sein Kopf ratterte. Die Gedanken überschlugen sich, überschlugen sich noch einmal und landeten irgendwo zwischen fast-Vergewaltigung?, emotionaler Ausnahmezustand und Fiona, du verdammter Vulkan.
Er schaute sie nur an. Fragend. Bereit, jeden denkbaren Ernstfall zu handeln. „Also… ganz so schlimm war’s dann nicht“, begann sie, ein Grollen in der Stimme. „Ich hätte ihm nur gern den Kopf erst in die Mülltonne und dann ins Klo gerammt.“
Sie verzog das Gesicht, eine Mischung aus Wut, Scham und Trotz.
„Ich meine, hey – der kann mir noch so oft sagen, ich sei stillos, nicht elegant, bla bla... Das interessiert mich im Grunde einen Scheiß. Aber irgendwann reicht’s eben.“
Ihre Stimme war brüchig, aber nicht schwach.
„Besonders, wenn er einen dann auch noch küsst.“
Sie fuhr sich durchs Haar, ein nervöser Reflex, der nicht ganz zu Ende gedacht war.
„Ja, ich hätte vielleicht nicht zuschlagen sollen. Er hat’s halt übertrieben. Aber Gabriel ist so ziemlich der letzte Kerl, von dem ich einen Kuss will.“ Ihr Ton wurde rauer. Ungesteuerter.
„Seine Worte sind sonst nur Lärm, Alex. Meistens geb ich ihm nicht mehr als ein müdes Lächeln dafür. Aber das hier? Das war was anderes.“ Alexej hob eine Braue.
Kopf ins Klo, wiederholte er im Stillen. Machte man das nicht auf städtischen Schulen? Die Vorstellung, wie Fiona Gabriel ins Klo drückte und abspülte, hatte zweifellos Unterhaltungswert. Er unterdrückte ein Grinsen. „Er ärgert dich und spielt mit dir“, sagte er dann, ruhig.
„Das macht er bei jedem am Anfang. Das legt sich.“ Aber er sagte nicht, was er eigentlich dachte: dass man Gabriel nur mit der Waffe seiner eigenen Gleichgültigkeit schlagen konnte. Dass man, wenn man aufhörte, ihm Feuer zu geben, ihm die Luft nahm. Aber Fiona war Fiona. Sie würde nicht ausweichen. Sie würde zurückfeuern. Und das machte alles... komplizierter. „Und mal ehrlich – wer will schon einen Kuss von Gabriel Redgrave?“
Er grinste nun doch, ein bisschen zu spitz, ein bisschen zu charmant.
„Wenn du das nächste Mal einen überraschenden Kuss willst… dann komm lieber gleich zu mir.“ Fiona schnaubte, löste sich ein wenig von seiner Brust und legte den Kopf leicht zur Seite.
„Ach? Und du versuchst’s dann genauso?“
Ihre Augen funkelten – spöttisch, aber nicht wirklich feindselig. Alexej hob beschwichtigend die Hände, aber sie sprach schon weiter.
„Nicht, dass ich was gegen Küsse hätte, nur…“
Sie seufzte leise.
„Man hat da schon mal drüber gesprochen, du und ich, weißt du? Wie man sie mag. Und Gabriels Kuss gehört da ganz sicher nicht zu. Einfach aus Prinzip nicht.“ Sie rieb sich den Nacken, unruhig.
„Es war ja nicht mal ein richtiger Kuss. Nur ein… Berühren der Lippen.“
Sie verzog das Gesicht.
„Aber es war meiner. Meine Entscheidung. Und die hat er sich genommen. Das ist es, was mich so fertig macht.“ Sie schwieg, kurz nur, und blickte ihm dann wieder ins Gesicht.
„Danke übrigens, dass du mir nicht gesagt hast, wie ich mit Gabriel umgehen soll. Sehr freundlich.“
Ironie tropfte von jedem Wort, aber irgendwo darunter war eine Art Anerkennung. Vielleicht. Impulsiv war ein sanftes Wort für sie. Und auch wenn sie wusste, dass Alex’ Rat wahrscheinlich nützlich gewesen wäre – sie hätte ihn vermutlich ohnehin nicht beherzigt. Fiona war keine, die sich lenken ließ. Schon gar nicht, wenn Wut noch warm unter der Haut glomm. Und doch: Die Vorstellung, Gabriel Redgrave mit dem Kopf ins Klo zu drücken, war... verführerisch wie selten etwas.
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