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Gabriel & Elle

Der Raum war still, doch Gabriels Stimme füllte ihn wie ein kalter Luftzug, der sich unter die Haut schob.
„Wie der Wind… heute mal hier, morgen mal so.“
Er sprach, als würde er eine Abhandlung über das Wetter halten – nüchtern, abschätzig, über alle Emotionen erhaben.
„Offenbar weißt du selbst nicht, was du willst.“ Dann senkte er den Blick, und für einen flüchtigen Moment schien da etwas zu lodern, weit hinter der Fassade. „Oder… suchst du bloß Ersatz für mich?“ Eleanore blinzelte. Nicht etwa, weil sie erschrak – eher aus blanker Verwunderung. Flirtete Gabriel Redgrave gerade mit ihr? Wohl kaum. Die Vorstellung war so schief, dass sie beinahe lachen musste.
Sie verschränkte die Arme, als würde sie sich selbst festhalten.
„Was auch immer du willst, Gabriel. Sag es einfach.“ Ihre Stimme war klar, fest – aber das Herz pochte schneller als gewollt. Er legte den Kopf schräg. „Ist dir das Thema unangenehm?“ Ein süffisantes Zucken umspielte seine Mundwinkel. „Oder bloß meine Gegenwart?“
Sein Sarkasmus war wie aus Glas – schön, scharf, durchsichtig.Sie lachte trocken. Der Mann war ein einziges Rätsel mit einem Giftpinsel in der Hand.
„Deine Gegenwart war mir nie unangenehm. Nicht einmal, als ich kopfüber aus In Omnia Aurum geflogen bin.“ Das war ehrlich. Und sie wusste, dass er Ehrlichkeit verabscheute, wenn sie nicht seinem Weltbild schmeichelte.
„Voll Schrecken und Panik, offenbar.“ Er richtete sich mit der Eleganz eines alten Aristokraten auf, legte den Gehstock neben sich ab und presste die behandschuhten Finger gegen die Stirn, als würde ihre Existenz ihm Kopfschmerzen bereiten. „Ich habe dich in die Berge eingeladen, um Zeit mit dir zu verbringen. Du hast eingewilligt, weil du dir irgendeinen Vorteil davon versprachst. Bedauerlich.“
Sie schnaubte: „Was für einen Vorteil denn bitte? Außer, dass ich vielleicht etwas von dir lernen wollte?“
Und was genau wollte er ihr eigentlich unterstellen? Hatte er vergessen, dass sie sich in Kanada splitterfasernackt gegenüberstanden? Es wurde mühsam. Alles. Dieses Gerede, diese Zwischentöne, dieses ständige Rühren in alten Aschehaufen. Musste denn wirklich jeder in letzter Zeit an ihren Nerven zerren?„Genau. Was anderes soll es nicht gewesen sein.“
Einen Wimpernschlag lang blitzte da etwas auf – Enttäuschung vielleicht. Frust. Dann erstarrte sein Gesicht wieder zu einer Maske aus Porzellan.
„Einen schönen Tag noch.“Sie ließ ihn nicht so einfach entkommen.„Gabriel, ich bin Katholikin. Selbst wenn ich einen verheirateten Mann begehren würde – ich glaube nicht an Scheidung.“
Ihre Stimme klang weich, aber das Eis darunter war spürbar.
„Und Ehebruch… ist eines der Dinge, die ich mehr verabscheue als fast alles andere.“„Vorzeitiger Beischlaf auch?“
Er drehte sich nicht um, doch seine Worte trafen wie ein Schuss über die Schulter.
„Du bist ziemlich von dir überzeugt, nicht wahr, Eleanor?“
Jede Silbe ein Stich.
„Es gab eine Zeit, da hast du es genossen, wenn ich mein Augenmerk auf dich richtete. Aber offenbar warst du inzwischen oft genug mit anderen Männern zusammen, um…“
Er hielt inne – ließ das Wort fast liebevoll über die Lippen gleiten.
„…gewöhnlich zu werden.“Er verschwand. Doch das Wort blieb. Wie Dreck unter den Fingernägeln.Eleanore blieb wie angewurzelt stehen. Das Herz schmerzte, aber sie zwang sich zur Ruhe. Natürlich wäre Gabriel passender gewesen als Cavendish – aber darum ging es nicht.
Sein Stich saß tiefer, als sie zugeben wollte.
„Ich schätze deine Gegenwart auch heute noch“, murmelte sie – leise, aber mit Nachdruck. „Auch wenn du mich bis aufs Mark zu beleidigen versuchst.“
Dann ging sie zur Tür – und schlug sie zu.Stille.Ein paar Sekunden verstrichen. Dann klopfte es.Natürlich.Sie verdrehte die Augen, atmete tief durch, strich sich den Pullover glatt, ordnete ihr Gesicht.
Wer zum Teufel…?Sie öffnete.
„Ja, bitte?“Gabriel stand da – als wäre er nie gegangen. Emotionslos. Elegant wie immer.
„Hast du gerade hinter mir die Tür zugeschlagen?“„Ich nahm an, du wolltest gehen. Wenn ich irrte – verzeih.“
Ihre Stimme war glatt wie Marmor. Ihre Augen jedoch sagten etwas anderes.„Ist das ein Grund, Türen zu knallen?“
Seine Miene veränderte sich kaum, aber da war dieser leise, unverschämte Ton. Als spräche er mit einem schlecht erzogenen Kind.„Du hast recht. Es mangelt mir an Manieren, wenn ich in meinen eigenen vier Wänden beleidigt werde.“
Sie lächelte matt.
„In Zukunft will ich mich bessern.“Gabriel reagierte nicht mit Worten.
Er trat einen Schritt näher, legte die Hand gegen ihre Brust und schob sie zurück ins Zimmer. Nicht grob – aber bestimmt.
Dann schloss er die Tür hinter sich.
„Bist du tatsächlich so naiv zu glauben, dass du dieselben Allüren zeigen darfst wie Fiona?“
Sein Blick war schneidend.Sie wich zurück, langsam, bedacht. Ihre Stimme war ruhig, ihr Puls nicht.
„Es wird nicht wieder vorkommen. Ich bin nicht oft in Gesellschaft. Offenbar hat mich das… aus dem Gleichgewicht gebracht.“„Sehr richtig.“
Er nickte.
„Du weißt, wie man sich für mangelndes Verhalten entschuldigt. Oder fehlt dir auch dafür bereits der nötige Verstand?“Ah, das Spiel also.
Eleanore wusste, wie es ging. Gefühle waren in dieser Arena Schwäche.
Also kniete sie sich hin. Stolzlos. Oder besser: stolz anderswo.
„Verzeih mir, Gabriel. Ich habe gefehlt.“Er ließ sich ebenfalls nieder, kniete vor ihr, legte seine Handschuhe an ihr Kinn und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen.
„Ich bin mir sicher, du wirst noch viele Fehler machen. Deshalb…“
Seine Stimme wurde weich. Beinahe zärtlich.
„…sollten wir deine Einweihung wohl noch ein paar Wochen – oder Monate – verschieben. Du wirst mir sicher zustimmen, dass du noch viel zu lernen hast, nicht wahr?“Ihr Blick wich aus. Aber sie nickte.
„Natürlich.“„Gutes Mädchen.“
Seine Hand strich ihr über die Wange – fast liebevoll. Dann zwang er sie mit leichtem Druck wieder aufrecht.
Gabriel war kein Mann der halben Maßnahmen. Und offenbar musste man Eleanor daran erinnern, wie der Tanz funktionierte.

Dann stand er auf. Und diesmal ging er wirklich.


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