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Greg & William, Erster Akt

Es roch nach altem Holz, billigem Bier und den Geschichten, die in den Ritzen der Bar versickert waren. Der Stadtteil war einer jener Orte, über die sich auch das Licht nur zögerlich legte – als hätte selbst der Tag Angst, hier länger zu verweilen. Greg Terance betrat die Bar mit jenem raumeinnehmenden Gang, der ihn mehr ankündigte als jeder Name. Kein Blick zur Seite, kein Zögern. Er trug seine Anwesenheit wie eine Krone – unsichtbar, aber spürbar schwer. Der Mantel roch nach teurem Waschmittel, das nur jemand verwendete, der genau wusste, was Dinge kosteten. Und was sie wert waren.
Er ließ sich auf den freien Barhocker nieder – neben einem Mann, der wie ein Fremdkörper wirkte in diesem halbdunklen, schiefen Ort. Bücher in einer Bar. Wer zum Teufel las Bücher in einer Bar? William Shepherd sah kurz auf, nicht erschrocken, eher... irritiert interessiert. In seinen Händen lag ein Wälzer, der den Eindruck machte, als hätte er halb London darin archiviert. Kunstgeschichte. Natürlich. Greg bestellte einen Whiskey. Den besten, der im Hause war, wie er betonte – nicht aus Angeberei, sondern aus Prinzip. Was er erhielt, ließ seine linke Braue kaum merklich zucken.
„Das kann unmöglich das Beste sein, was Sie im Haus haben“, sagte er trocken und kippte das Glas in das Spülbecken vor sich. Die Geste war ruhig, aber vernichtend. William beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Da war etwas an dem Mann – nicht nur das Waschmittel. Vielleicht die Art, wie er sich bewegte, wie er sprach, wie er Luft einnahm, als gehöre sie ihm. Ein König ohne Hof. Und mit einem Geschmack, der ihm Respekt abrang. Er hob sein Glas und sagte, süffisant grinsend:
„Sie erinnern mich an einen sehr jungen Elmar Fudd.“
Greg drehte nur langsam den Kopf. Keine Reaktion. Keine Regung. Nur dieser eiskalte Blick, direkt in die Augen des Fremden.
„Ach. Schön, dass Sie mich kennen. Und wie ist Ihr Name?“
William reichte ihm die Hand, das Grinsen noch auf den Lippen.
„William Shepherd. Freut mich sehr, Mr. Fudd.“
Die Maske bei Greg wackelte keinen Millimeter. Er nahm die Hand, nickte standhaft und schenkte William jene höfliche Kälte, mit der man höflich bleibt, aber nie warm.
„Die Freude ist ganz meinerseits, Mr. Shepherd.“
Sie sprachen weiter – über Dublin, über gotische Kathedralen, über den Unterschied zwischen einem Jameson und einem billigen Killbeggan. William redete viel. Fast zu viel. Er war belesen, charmant, ein wenig spleenig. Greg hörte ihm zu – nicht weil er interessiert war, sondern weil er immer einschätzte. Wer redet wie viel über was – und mit welchem Ziel?
Greg nippte an dem neuen Whiskey, der diesmal seinem Anspruch gerecht wurde. Seine Züge blieben reglos. Aber in seinem Kopf arbeitete es. William war... merkwürdig. Vielleicht nützlich.
Dann kam die Frage nach seinem Namen.
„Ich könnte es mit meinem richtigen Namen versuchen“, sagte Greg leise, beinahe beiläufig. Und legte die Karten auf den Tisch.
„Gregory Terance.“
William blinzelte. „Bridon Belfrey!“ rief er plötzlich, als hätte ihn ein Blitz getroffen. „Ich kenne Sie! Der Reitsportler! Ich habe Ihre Siege verfolgt!“
Er war aufrichtig begeistert. Fast schon kindlich. „Ein grandioser Hengst. Und ein grandioser Reiter.“
Greg schwieg. Eine Sekunde zu lange vielleicht. Das Lächeln wich für einen Moment. Die Erinnerung an seinen plötzlichen Rückzug, an die verlassenen Pferde, die unbeantworteten Fragen in der Presse – sie klangen in seinem Schweigen nach. Dann griff er zum Handy, warf einen kurzen Blick auf die Rolex und stand auf. „Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment.“
Er verließ die Bar, der Mantel flatterte wie ein Vorhang hinter ihm. Draußen brannte die Kälte Londons in seinem Gesicht, als er zum dritten Mal versuchte, die Stallleitung zu erreichen. Als endlich jemand ranging, schlug ihm Wut entgegen. Schreiend. Weinend. Zu Recht.
Die Pferde lebten noch. Es ging ihnen gut. Irgendwer hatte sich gekümmert – Cat, offenbar. Natürlich Cat.
Als Greg zurückkam, war er bleicher als zuvor, aber seine Haltung hatte sich nicht verändert. Er setzte sich, reichte dem Barkeeper wortlos einen Fünfziger – kein Trinkgeld. Sein Blick wanderte zurück zu William, ruhig, berechnend.
Dann zog er ein silbernes Etui aus der Manteltasche, entnahm eine Visitenkarte und schob sie langsam über den Tresen.
„Vielleicht können wir unsere Unterhaltung ein andermal fortsetzen“, sagte er. „Ich habe noch einiges zu erledigen.“
William nahm die Karte, drehte sich einen Moment zur Seite und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Als er sich wieder zu Greg umdrehte, war er gefasst – oder tat zumindest so. „Das würde mich wirklich sehr freuen.“
Greg nickte. Reichte ihm die Hand. „Es war mir ein Vergnügen. Auf Wiedersehen, Mr. Shepherd.“
Er erhob sich mit jener Eleganz, die nichts mit Höflichkeit, sondern mit Haltung zu tun hatte. In der einen Hand der Schlüssel zum Bugatti, in der anderen die Gewissheit, dass er für heute genug geredet hatte. William sah ihm nach. Erst schweigend. Dann mit einem leisen Lächeln.

Vielleicht war dieser Abend doch nicht ganz sinnlos gewesen.


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